Hochbegabung bei Kindern: Woran erkennt man sie wirklich?
Früh sprechen, schnell lernen, ständig Fragen stellen – ist mein Kind hochbegabt? Welche Merkmale auf Hochbegabung hindeuten können und warum ein Entwicklungsvorsprung allein noch nichts beweist.
Meine Tochter war 13, als bei ihr Hochbegabung festgestellt wurde. Wenn ich damals nur auf ihre schulischen Leistungen geschaut hätte, wäre ich darauf vermutlich nie gekommen. Ihre Leistungen waren mittelmäßig, das Lernen fiel ihr schwer, und Mathematik war ein besonders großes Problem.
Eigentlich waren wir wegen eines vermuteten Konzentrationsproblems und ihrer ausgeprägten Schwäche in Mathe zur Abklärung gegangen. Diese Schwierigkeiten bestätigten sich auch. Im Rahmen der Untersuchung wurde außerdem ein IQ-Test gemacht.
Das Ergebnis: 136.
Und ich fragte mich: Wie passt das zusammen?
Meine Tochter ist kein Physikgenie, das mit 15 an der Universität sitzt. Sie spielt keine Klaviersonaten auswendig und hat auch keine besonders ausgeprägten Interessen, mit denen sie stundenlang ihre Umgebung beeindruckt. Das Bild vom kleinen Genie passte jedenfalls nicht zu unserem Alltag.
Vielleicht entsteht die Frage bei dir ganz anders: Dein dreijähriges Kind spricht erstaunlich gut, merkt sich vieles oder stellt Fragen, bei denen du selbst erst einmal überlegen musst. Ist das schon Hochbegabung?
Einzelne Fähigkeiten reichen dafür nicht aus. Vollständige Sätze mit drei Jahren können zur üblichen Sprachentwicklung gehören. Und umgekehrt schließen Lernschwierigkeiten oder mittelmäßige Noten eine Hochbegabung nicht aus.
Es lohnt sich deshalb, genauer hinzusehen: auf das Lernen, die Entwicklung und vor allem darauf, was ein Kind tatsächlich braucht.
Inhaltsverzeichnis:
- Was bedeutet Hochbegabung bei Kindern?
- Mit drei Jahren ganze Sätze: Ist mein Kind deshalb hochbegabt?
- Entwicklungsvorsprung oder Hochbegabung: Was ist der Unterschied?
- Welche Beobachtungen können auf Hochbegabung hinweisen?
- Asynchrone Entwicklung: Im Denken weit, in anderen Bereichen altersgemäß
- Welche Schwierigkeiten können hochbegabte Kinder erleben?
- Wann ist eine Abklärung sinnvoll?
- Wie wird Hochbegabung fachlich festgestellt?
- Wie kannst du dein Kind schon jetzt unterstützen?
- Häufige Fragen zur Hochbegabung bei Kindern
Was bedeutet Hochbegabung bei Kindern?
In diesem Artikel geht es um intellektuelle Hochbegabung: um besonders hohe kognitive Fähigkeiten, also Fähigkeiten zum Verstehen, Lernen und Problemlösen. Daneben gibt es beispielsweise besondere musikalische oder sportliche Begabungen.
Hochbegabung beschreibt zunächst ein Potenzial. Wie es im Alltag und in Leistungen sichtbar wird, hängt auch von Lerngelegenheiten, Motivation, erworbenen Fertigkeiten und dem Umfeld ab.
Der häufig genannte IQ-Wert von 130 ist ein gebräuchlicher Orientierungswert. Er ist keine natürliche Grenze, an der ein Kind mit 129 grundsätzlich anders wäre als eines mit 130. Fachleute berücksichtigen auch das Begabungsprofil, die Fragestellung und die Messunsicherheit des Tests.
Unsere Erfahrung: Ein IQ von 136 – und trotzdem Schwierigkeiten in der Schule
Bei meiner Tochter musste ich erst verstehen, dass hohe Fähigkeiten nicht bedeuten, dass alles andere automatisch leicht wird. Der IQ-Wert änderte nichts daran, dass sie Konzentrationsprobleme hatte und ihr Mathematik schwerfiel.
Beides gehörte zu ihrem Bild. Es half wenig, nur auf den hohen Wert zu schauen und daraus abzuleiten, dass sie schulisch doch eigentlich alles können müsste.
Begabung, schulische Leistung und Unterstützungsbedarf sind unterschiedliche Dinge. Ein Kind kann schnell Zusammenhänge verstehen und trotzdem Schwierigkeiten haben, seine Arbeit zu organisieren, etwas zu üben oder bestimmte Lerninhalte zu bewältigen.
Bei uns war genau diese Einordnung am Ende wichtiger als die Zahl 136. Denn mit der Zahl allein wusste ich ehrlich gesagt noch lange nicht, was wir jetzt anders machen sollten. Sie erklärte nicht plötzlich jedes Problem und sie löste auch keines davon. Aber sie half uns, manches aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Mit drei Jahren ganze Sätze: Ist mein Kind deshalb hochbegabt?
„Mein Kind spricht schon in vollständigen Sätzen“ klingt beeindruckend. Für eine Einordnung müsste man aber genauer wissen, was damit gemeint ist.
Ein Satz wie „Ich habe Hunger“ ist vollständig. Ein ausführlicher Bericht mit ungewöhnlichem Wortschatz und komplexen Zusammenhängen zeigt andere sprachliche Fähigkeiten. Beides lässt sich nicht allein mit dem Wort „vollständig“ beschreiben.
Einfache grammatisch richtige Sätze gehören bereits zur Sprachentwicklung im dritten Lebensjahr, also zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag. Im vierten Lebensjahr werden Erzählungen und Nebensätze zunehmend komplexer. Diese Angaben sind eine grobe Orientierung; Kinder entwickeln Sprache in unterschiedlichem Tempo.
Vollständige Sätze mit drei Jahren beweisen deshalb weder Hochbegabung noch automatisch einen außergewöhnlichen Entwicklungsvorsprung. Auch eine auffallend weit entwickelte Sprache sagt zunächst etwas über diesen Entwicklungsbereich aus.
Du darfst dich über die Fähigkeit freuen. Daraus muss nicht sofort eine Aussage über die gesamte Intelligenz oder die spätere Schullaufbahn werden.

Entwicklungsvorsprung oder Hochbegabung: Was ist der Unterschied?
Von einem Entwicklungsvorsprung spricht man, wenn ein Kind in einem Bereich weiter ist als die meisten Gleichaltrigen. Das beschreibt zunächst seinen aktuellen Entwicklungsstand.
Ein Kind kann beispielsweise sprachlich weit sein, während es beim Anziehen, Malen oder Umgang mit Enttäuschungen ungefähr dort steht, wo viele andere Kinder seines Alters stehen.
Ein Vorsprung kann bestehen bleiben. Er kann sich aber auch verändern, wenn andere Kinder aufholen. Gerade in den ersten Lebensjahren laufen Entwicklungen schnell und unterschiedlich ab. Auch hohe Ergebnisse in frühen Intelligenztests sind deshalb vorsichtig einzuordnen.
Entwicklungsvorsprung und Hochbegabung sind also keine Gegensätze. Ein Vorsprung kann Teil des Bildes sein. Aus einer frühen Fähigkeit lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, ob langfristig eine intellektuelle Hochbegabung vorliegt.
Für Eltern bedeutet das: Beobachte die Entwicklung über die Zeit und in unterschiedlichen Situationen. Dein Kind braucht passende Anregungen für seine aktuellen Fähigkeiten, auch wenn die große Frage nach der Hochbegabung noch offen ist.
Welche Beobachtungen können auf Hochbegabung hinweisen?
Fachlich interessant ist nicht nur, was ein Kind schon weiß, sondern auch, wie es Neues versteht und lernt.
Manche Kinder erfassen neue Zusammenhänge ungewöhnlich schnell. Sie übertragen eine Erklärung selbstständig auf andere Situationen oder merken sich Informationen besonders gut. Andere beschäftigen sich ausdauernd mit einer Frage und wollen die Erklärung wirklich verstehen. Solche Beobachtungen können Anlass sein, genauer hinzusehen.
Ein allgemeines Beispiel: Ein Kind erinnert sich nicht nur daran, dass manche Gegenstände schwimmen. Es beginnt selbst zu vergleichen und zu überlegen, warum das bei anderen Gegenständen anders ist. Die interessante Beobachtung liegt dann im Denken und Weiterfragen, nicht im bloßen Wiedergeben eines Satzes.
Solche Beispiele sind keine Erkennungsprobe für zu Hause. Interesse, Erfahrungen und Lerngelegenheiten beeinflussen ebenfalls, was ein Kind zeigt. Und nicht jedes hochbegabte Kind fällt durch dieselben Verhaltensweisen auf.
Warum auch mehrere Merkmale keine Diagnose ergeben
Neugier, frühes Lesen oder ein gutes Gedächtnis sind keine Merkmale, die ausschließlich bei Hochbegabung vorkommen. Auch Frust, Langeweile oder Schwierigkeiten mit anderen Kindern erlauben keinen solchen Schluss.
Deshalb gibt es hier keine Liste nach dem Muster: „Wenn fünf Punkte zutreffen, ist dein Kind wahrscheinlich hochbegabt.“ Beobachtungen können ein Gespräch vorbereiten. Eine fachliche Feststellung ersetzen sie nicht.
Ebenso wenig wird Hochbegabung ausgeschlossen, weil ein Kind keine außergewöhnlichen Hobbys hat, nicht früh gelesen hat oder nicht besonders auffällt. Das Klischee vom kleinen Universalgenie hilft beim Verstehen eines einzelnen Kindes wenig.

Hochbegabung bedeutet nicht automatisch …
Ein hochbegabtes Kind muss nicht:
- sehr gute Noten haben,
- besonders früh lesen,
- außergewöhnliche Hobbys haben,
- hoch motiviert sein,
- emotional weiter entwickelt sein als Gleichaltrige,
- überall besonders gut sein,
- oder problemlos durch die Schule kommen.
Genau dieses Bild hatte ich früher selbst im Kopf. Hochbegabt? Dann müsste ein Kind doch überall besonders gut sein. Heute weiß ich, wie wenig dieses Klischee mit unserem eigenen Alltag zu tun hat.
Asynchrone Entwicklung: Im Denken weit, in anderen Bereichen altersgemäß
Stell dir ein Kind vor, das dir ausführlich erklärt, warum die Jahreszeiten wechseln, und wenig später völlig aufgelöst ist, weil sein Bauwerk einstürzt.
Das kann für Erwachsene widersprüchlich wirken: „Du verstehst doch so viel. Warum geht das jetzt nicht?“
Aber Verstehen und der Umgang mit Enttäuschung sind unterschiedliche Fähigkeiten. Asynchrone Entwicklung bedeutet, dass Entwicklungsbereiche unterschiedlich schnell voranschreiten. Bei manchen hochbegabten Kindern entwickelt sich das Denken schneller als beispielsweise die emotionale oder motorische Entwicklung.
Warum kluges Reden keine erwachsene Selbstregulation bedeutet
Ein Kind, das sprachlich älter wirkt, bleibt ein Kind seines Alters. Es kann weiterhin Trost, Unterstützung bei Übergängen oder Hilfe im Streit brauchen.
Wenn es sich nicht so beherrscht, wie Erwachsene es aufgrund seiner Ausdrucksweise erwarten, ist es deshalb nicht automatisch emotional „zurück“. Vielleicht ist dieser Bereich einfach altersgemäß entwickelt.
Unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten sind für sich genommen auch kein Nachweis von Hochbegabung. Im Alltag hilft die Erklärung vor allem dabei, Erwartungen an die einzelnen Fähigkeiten anzupassen.
Welche Schwierigkeiten können hochbegabte Kinder erleben?
Hochbegabung kann mit Schwierigkeiten zusammenkommen. Sie bedeutet aber nicht zwangsläufig eine belastete Kindheit. Forschungsübersichten zeigen insgesamt kein grundsätzlich erhöhtes Risiko für psychische Probleme bei hochbegabten Kindern. Die individuellen Lebensbedingungen und Bedürfnisse spielen eine große Rolle.
Trotzdem dürfen Belastungen vorkommen. Ein hoher IQ ist kein Schutzschild gegen alles, was Schule und Familienalltag schwierig machen kann.
Wenn ein Kind erst später lernen muss, wie Lernen funktioniert
Bei meiner Tochter haben wir später erkannt, dass sie in der Grundschule und anfangs auch in der Mittelschule unterfordert gewesen war. Sie verstand vieles direkt im Unterricht und erledigte ihre Aufgaben bereits dort. Zu Hause hatten wir kaum Hausaufgaben oder etwas zu lernen.
Ich dachte damals, das sei normal: Die Sachen wurden eben schon in der Schule gemacht.
Dann begannen in der Mittelschule plötzlich Probleme. Mit einem Mal kam sie nicht mehr mit. Sie musste anfangen zu lernen. Aber sie hatte nie wirklich gelernt, wie man lernt. Bis dahin hatte das Verstehen im Unterricht weitgehend gereicht.
Nun musste sie sich erst Lernstrategien aneignen. Das führte zu Frust und Verweigerung: Warum sollte plötzlich so viel Aufwand nötig sein, wenn es vorher ohne gegangen war?
Das war unser Weg, keine Erklärung für jedes hochbegabte Kind. Er zeigt aber, warum man bei Lernproblemen mehr anschauen sollte als die Frage, ob ein Kind einen Inhalt grundsätzlich verstehen kann. Lernstrategien und Arbeitsgewohnheiten müssen ebenfalls aufgebaut werden.
Für praktische Unterstützung bei schwierigen Nachmittagen findest du weitere Ideen im Artikel „Weniger Stress bei den Hausaufgaben: 7 Tipps für entspanntere Nachmittage“.
Unterforderung und fehlende passende Herausforderungen
Wenn Anforderungen über längere Zeit nicht zu den Fähigkeiten passen, kann das Lernen frustrierend werden. Manche Kinder verlieren Motivation oder fühlen sich in der Schule wenig wohl.
Langeweile allein beweist allerdings keine Hochbegabung. Hilfreicher ist die konkrete Frage: Welche Aufgaben beherrscht das Kind bereits, und wobei lernt es tatsächlich etwas Neues?
Hohe Erwartungen und Angst vor Fehlern
„Du bist doch so schlau“ kann nach einem Kompliment klingen. Im falschen Moment wird daraus aber leicht eine Erwartung: Dann dürftest du doch keine Fehler machen.
Perfektionismus kann mit Belastung zusammenhängen. Er ist weder bei allen hochbegabten Kindern vorhanden noch ein Erkennungsmerkmal. Im Alltag lohnt es sich, darauf zu achten, ob ein Kind noch ausprobieren und scheitern darf, ohne dass seine gesamte Begabung infrage gestellt wird.
Zugehörigkeit und unterschiedliche Interessen
Nicht jede Schwierigkeit, die ein hochbegabtes Kind hat, entsteht durch die Hochbegabung. Das ist mir bei unserer eigenen Geschichte besonders wichtig.
Meine Tochter tut sich beispielsweise seit Jahren im sozialen Miteinander schwer. Andere Menschen zu verstehen, sich in ihre Perspektive hineinzuversetzen und zu akzeptieren, dass andere ihre Interessen nicht teilen, ist für sie oft schwierig.
Auch feste Routinen spielen bei ihr eine große Rolle. Wenn Abläufe anders kommen als erwartet, gerät sie schnell aus der Bahn.
Das sind Beobachtungen bei unserer Tochter. Ich möchte sie nicht einfach ihrem IQ zuschreiben. Daraus lässt sich weder ableiten, dass hochbegabte Kinder grundsätzlich wenig Empathie haben, noch dass sie feste Routinen brauchen.
Für mich passt unser Alltag jedenfalls nicht zum Bild, dass Hochbegabung automatisch ein Segen sei. Hohe Fähigkeiten nehmen uns die schwierigen Situationen nicht ab. Gleichzeitig ist unsere Erfahrung keine Vorhersage für andere Familien.
Für alle Kinder sind Zugehörigkeit und passende Beziehungen bedeutsam. Bei manchen hochbegabten Kindern kann es helfen, zusätzlich Kontakte zu finden, bei denen Interessen und Gesprächstempo gut zusammenpassen.
Wenn weitere Unterstützungsbedürfnisse dazukommen: Twice Exceptional
Hochbegabung kann beispielsweise zusammen mit ADHS oder Lernstörungen vorkommen. Dafür wird auch der Begriff „Twice Exceptional“ verwendet.
Das kann die Einordnung besonders schwierig machen. Eine hohe Begabung kann Schwierigkeiten eine Zeit lang verdecken – und umgekehrt können ADHS oder eine Lernstörung dafür sorgen, dass die besonderen Fähigkeiten eines Kindes kaum auffallen.
Dann sieht man vielleicht vor allem das Kind, das Aufgaben nicht beendet, schlechte Noten schreibt oder beim Lernen verzweifelt – und übersieht gleichzeitig, welche Fähigkeiten vorhanden sind.
Genau deshalb ist mir dieser Punkt so wichtig. Ein Kind kann sehr hohe kognitive Fähigkeiten haben und gleichzeitig echte Unterstützung brauchen. Das eine macht das andere nicht weniger real.
Ein hoher IQ macht Schwierigkeiten nicht unwirklich und ersetzt ihre eigene Abklärung nicht.
Wann ist eine Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung ist besonders hilfreich, wenn sie eine konkrete Frage beantworten kann. Zum Beispiel: Welche Anforderungen passen zu meinem Kind? Warum passen seine beobachteten Fähigkeiten und seine schulischen Leistungen so wenig zusammen? Welche Informationen brauchen wir für eine Förderentscheidung?
Du musst nicht erst warten, bis alles eskaliert. Beratung kann auch bei Unsicherheit oder vor Entscheidungen über die Schullaufbahn sinnvoll sein.
Ein erster Schritt kann ein Gespräch mit Kita oder Schule sein. Bringe konkrete Beispiele mit: Was fällt deinem Kind leicht? Wo entstehen Schwierigkeiten? In welchen Situationen zeigt es seine Fähigkeiten, und wann kann es sie kaum nutzen?
Wenn dein Kind belastet ist, lohnt sich außerdem ein Gespräch mit einer qualifizierten psychologischen Fachperson oder zunächst der Kinderärztin beziehungsweise dem Kinderarzt. Die passende Anlaufstelle hängt vom Anliegen und den Angeboten vor Ort ab.
Die Leitfrage ist: Was möchten wir durch die Abklärung besser verstehen oder entscheiden können?
Ein IQ-Wert ohne verständliche Einordnung hilft im Alltag oft wenig. Das habe ich bei unserer eigenen Abklärung sehr deutlich gemerkt. Die Zahl war interessant – aber die wichtigere Frage war danach: Was bedeutet das jetzt eigentlich für unser Kind?
Wie wird Hochbegabung fachlich festgestellt?
Eine fundierte Untersuchung beginnt mit der Fragestellung und der bisherigen Entwicklung. Was wurde beobachtet? Welche Stärken und Schwierigkeiten gibt es? Was berichten das Kind, die Eltern und gegebenenfalls Kita oder Schule?
Gespräch, Beobachtungen und standardisierte Tests
Zur Einschätzung intellektueller Fähigkeiten werden geeignete standardisierte Intelligenztests eingesetzt. Die Ergebnisse werden mit altersbezogenen Vergleichswerten eingeordnet. Durchführung und Interpretation gehören in die Hände entsprechend qualifizierter Fachpersonen mit Erfahrung in der Arbeit mit Kindern.
Online-Selbsttests oder Merkmalslisten ersetzen diese Untersuchung nicht. Auch die Wahl des Testverfahrens muss zur Frage und zum Kind passen.
Was ein IQ-Wert aussagt – und welche Grenzen er hat
Ein IQ-Wert gibt Informationen über die im Test erfassten kognitiven Fähigkeiten. Er beschreibt nicht die ganze Persönlichkeit und beantwortet nicht automatisch, wie ein Kind Freundschaften erlebt oder seinen Schulalltag bewältigt.
Außerdem sind Testwerte nicht vollkommen exakt. Zur fachlichen Rückmeldung gehören deshalb Messunsicherheit und die Einordnung des Ergebnisses. Bei unterschiedlichen Leistungen in einzelnen Testbereichen wird das Profil genauer betrachtet.
Ein Ergebnisgespräch sollte dir vor allem verständlich machen: Welche Stärken wurden sichtbar? Welche Fragen bleiben offen? Welche Unterstützung lässt sich daraus ableiten?
Bei uns war genau das letztlich viel wichtiger als die Zahl selbst. Ein Testergebnis kann helfen, ein Kind besser zu verstehen. Es ist aber kein Etikett, das plötzlich alles erklärt.
Warum das Alter bei der Einordnung wichtig ist
Einige Testverfahren lassen sich bereits bei sehr jungen Kindern einsetzen. Frühe Ergebnisse sind jedoch weniger stabil. Auch bei jüngeren Kindern können Intelligenztests eingesetzt werden. Gerade im frühen Kindesalter sollten Ergebnisse jedoch besonders vorsichtig eingeordnet werden, da die Entwicklung noch stärker schwanken kann.
Das ist keine starre Regel, wann jedes Kind getestet werden sollte. Entscheidend ist, ob eine Untersuchung zur aktuellen Frage beiträgt und wie ihre Aussagekraft fachlich eingeordnet wird.
Wie kannst du dein Kind schon jetzt unterstützen?
Du brauchst kein Testergebnis, um aufmerksam auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse deines Kindes zu reagieren. Passende Förderung sollte nicht grundsätzlich davon abhängen, ob bereits eine Hochbegabung festgestellt wurde.
Greife Interessen auf, ohne daraus ein Förderprogramm zu machen. Wenn dein Kind gerade viel über den Weltraum wissen möchte, könnt ihr gemeinsam nach Antworten suchen oder passende Bücher ausleihen. Es muss daraus kein neues Hobby für die nächsten fünf Jahre werden.
Schau auf passende Herausforderungen. Besprich mit Kita oder Schule konkrete Aufgaben: Wo wiederholt dein Kind nur, was es schon kann? Wobei müsste es überlegen oder etwas Neues ausprobieren? Mehr vom Gleichen ist nicht automatisch die passende Lösung.
Mach Lernwege sichtbar. Statt nur „Lern das“ zu sagen, könnt ihr eine kleine Vorgehensweise ausprobieren: einen Abschnitt lesen, das Buch schließen, den Inhalt in eigenen Worten erklären und anschließend prüfen, was fehlt. Welche Strategie passt, hängt auch von den jeweiligen Schwierigkeiten ab.
Behalte altersgemäße Unterstützung bei. Ein Kind darf viel verstehen und trotzdem Hilfe beim Planen, bei Übergängen oder beim Umgang mit Enttäuschungen brauchen.
Beobachte konkret, ohne ständig zu bewerten. Eine Notiz wie „Die neue Aufgabe sofort verstanden, beim Aufschreiben lange festgehangen“ ist für ein Gespräch hilfreicher als „Ist bestimmt hochbegabt“ oder „Kann eigentlich alles“.
Und wenn euch das alles viel Kraft kostet, dürfen auch deine Bedürfnisse vorkommen. Im Artikel „Wenn du einfach nicht mehr kannst: Überforderung als Mama eines neurodivergenten Kindes“ geht es um diese Elternseite.
Häufige Fragen zur Hochbegabung bei Kindern
Muss ein hochbegabtes Kind früh lesen oder besonders gut sprechen?
Nein. Einzelne frühe Fähigkeiten stellen keine Hochbegabung fest. Ihr Fehlen reicht ebenfalls nicht aus, um sie auszuschließen. Fachleute betrachten die Fähigkeiten und Entwicklung im Zusammenhang.
Können hochbegabte Kinder mittelmäßige oder schlechte Noten haben?
Ja. Begabung wird nicht immer in schulischen Leistungen sichtbar. Gerade bei widersprüchlichen Beobachtungen kann eine sorgfältige Abklärung helfen, passende Unterstützung zu finden.
Bedeutet ein IQ ab 130 automatisch, dass das Kind alles leicht schafft?
Nein. Der Wert ist ein gebräuchlicher Orientierungswert für sehr hohe intellektuelle Fähigkeiten. Er sagt nicht, dass alle Aufgaben, Lernbereiche oder Alltagssituationen leichtfallen.
Sollte ich mein Kind testen lassen, weil mehrere Merkmale passen?
Eine Merkmalsliste liefert keine verlässliche Feststellung. Überlege zunächst, welche konkrete Frage du hast. Eine Beratung kann klären, ob eine Testung dafür sinnvoll ist.
Muss Hochbegabung immer Schwierigkeiten machen?
Nein. Viele hochbegabte Kinder entwickeln sich gut. Schwierigkeiten können auftreten und verdienen Unterstützung, sie gehören aber nicht zwangsläufig zur Hochbegabung.
Was ich aus unserer Geschichte mitgenommen habe
Bei meiner Tochter hat das Ergebnis einige Fragen verständlicher gemacht. Es hat weder die Matheprobleme gelöst noch das Lernen oder das soziale Miteinander plötzlich leicht gemacht.
Und die Zahl 136 hat meine Tochter nicht plötzlich zu einem anderen Kind gemacht. Sie war danach noch genau dasselbe Kind wie vorher – mit ihren Stärken, ihren Schwierigkeiten und all den Dingen, die nicht so recht in das klassische Bild eines hochbegabten Kindes passen wollten.
Was mir ihre Geschichte gezeigt hat: Ich muss nicht auf das Bild vom kleinen Genie schauen, um mein Kind ernst zu nehmen.
Vielleicht musst du deshalb auch gar nicht zuerst die Frage beantworten:
„Ist mein Kind hochbegabt?“
Vielleicht ist die wichtigere Frage:
„Was braucht mein Kind gerade?“
Und wenn du das Gefühl hast, dass Fähigkeiten, Verhalten und schulische Leistungen irgendwie nicht zusammenpassen, kann genau das ein guter Grund sein, genauer hinzuschauen.
Nicht, um deinem Kind möglichst schnell ein Etikett zu geben. Sondern um es ein kleines Stück besser zu verstehen.
