Überforderung als Mama eines neurodivergenten Kindes

Wenn du einfach nicht mehr kannst: Überforderung als Mama eines neurodivergenten Kindes

Warum der Alltag mit einem neurodivergenten Kind so erschöpfend sein kann


Kennt ihr das? Der Tag startet ganz normal. Man ist eingegroovt, alles läuft wie immer – und dann passiert eine klitzekleine Kleinigkeit und plötzlich läuft alles aus dem Ruder. Wie ein Tsunami, obwohl vorher nur kleine Wellen zu sehen waren.
Ich bin ehrlich: Solche Tage schaffen mich. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich an meinem ganzen Leben zweifle und sogar die Entscheidung, Kinder zu bekommen, infrage stelle. Wie schön wäre es jetzt, als Single mit Freundinnen und einem Cocktail in der Hand irgendwo auf Bali am Strand zu sitzen …
Und während ich das denke, klopft es zum tausendsten Mal an der Badtür. Ein unüberhörbares „MMAAAAAMMMMMMAAAA!“ folgt. Also einmal tief durchatmen, vielleicht noch schnell ein Tränchen wegwischen, Krone richten und weitermachen.
Ich glaube, viele Mütter kennen solche Momente. Die Überforderung als Mama eines neurodivergenten Kindes hat aber oft noch Seiten, die von außen kaum jemand sieht. Und genau darüber möchte ich heute schreiben.

Der Alltag läuft – weil wir ihn ständig zusammenhalten

Bei uns sind es oft die Routinen, die einen Tag überhaupt möglich machen. Man weiß irgendwann, was man rechtzeitig ankündigen muss, welche Übergänge schwierig werden könnten und wann ein Kind nach der Schule erst einmal Ruhe braucht. Man denkt voraus, erklärt, erinnert, fängt auf und ändert Pläne, wenn es doch anders läuft.
Von außen sieht das vielleicht nach einem ganz normalen Nachmittag aus. Was niemand sieht: wie viel wir vorher schon mitgedacht haben, damit er halbwegs normal abläuft.

Mutter plant am Küchentisch Termine, während ihr Kind nach der Schule auf dem Sofa ruht.

Ein Kind mit ADHS hat sich in der Schule vielleicht den ganzen Vormittag zusammengerissen – und zu Hause ist plötzlich alles zu viel. Ein anderes braucht viel Unterstützung, um überhaupt mit den Hausaufgaben anzufangen oder von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln. Für ein autistisches Kind kann eine unerwartete Änderung oder eine Umgebung voller Reize den ganzen Tag durcheinanderbringen.

Gerade dieses scheinbar widersprüchliche Verhalten nach der Schule sorgt oft für Unverständnis. Schließlich hat dort doch alles wunderbar funktioniert. Warum Kinder ihre Anspannung manchmal erst zu Hause herauslassen und was dahinterstecken kann, erkläre ich ausführlicher in meinem Artikel „In der Schule klappt es doch – warum zu Hause trotzdem alles zu viel sein kann“.

Natürlich ist jedes Kind anders. Ich möchte hier keine Schublade aufmachen. Aber wenn du ein neurodivergentes Kind begleitest, kennst du wahrscheinlich dieses ständige Anpassen: Was braucht mein Kind heute? Was hat gestern funktioniert, klappt aber heute überhaupt nicht? Und wie schaffen wir es durch den Nachmittag, ohne dass am Ende alle völlig fertig sind?
Dann kommen die Dinge dazu, die in keinem Familienkalender so groß aussehen, wie sie sich anfühlen: Therapien suchen, Termine vereinbaren, Wartezeiten überbrücken, Befunde lesen, Formulare ausfüllen, Gespräche mit Schule oder Kindergarten führen. Manchmal sitzt du während einer Therapie im Wartezimmer. Manchmal nimmst du selbst daran teil und versuchst danach, das Besprochene auch noch zu Hause umzusetzen.
Und währenddessen läuft der Rest des Lebens weiter. Geschwister brauchen dich auch. Die Wäsche ist noch da. Irgendjemand muss Abendessen machen. Kein Wunder, dass einem irgendwann eine winzige Kleinigkeit den Rest gibt.


Warum uns das so erschöpft

Ich habe mich selbst jahrelang vernachlässigt und mir gleichzeitig von außen angehört: „Du musst auch mal auf dich achten.“ Oder: „Nimm dir doch Zeit für dich.“
Ja. Aber wo verdammt soll ich diese Zeit hernehmen? Zählen zehn Minuten auf dem Klo auch?
Das Schwierige ist: Erschöpfung entsteht selten durch die eine Aufgabe. Es ist das dauernde Mitdenken. Habe ich an alles für morgen gedacht? Wie wird mein Kind auf den geänderten Plan reagieren? Muss ich noch jemandem schreiben? Was mache ich, wenn der Nachmittag wieder kippt?
Für dieses unsichtbare Planen, Erinnern und Organisieren gibt es einen Begriff: Mental Load. Untersuchungen zeigen, dass Mütter häufig einen großen Teil dieser Denkarbeit übernehmen und dass sie mit Stress und Erschöpfung zusammenhängen kann. Studien zu Familien mit Kindern mit ADHS oder Autismus beschreiben ebenfalls eine erhöhte Belastung der Eltern. Das heißt nicht, dass unsere Kinder „das Problem“ sind. Es heißt, dass viele Familien viel auffangen und organisieren müssen – oft mit zu wenig Unterstützung.
Vielleicht merkst du die Überforderung daran, dass du schneller gereizt bist. Dass du nachts über Termine nachdenkst. Dass du dich nach Ruhe sehnst und sofort ein schlechtes Gewissen bekommst, weil du dich nach Ruhe sehnst. Du liebst dein Kind und würdest alles für es tun – und trotzdem möchtest du manchmal einfach nur, dass für eine Weile niemand „Mama!“ ruft.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Wenn diese Erschöpfung über längere Zeit anhält und du das Gefühl hast, kaum noch Kraft zu haben, nimm das bitte ernst. Starke elterliche Erschöpfung kann sich unter anderem darin zeigen, dass man sich vom Familienalltag innerlich immer weiter entfernt fühlt. Das ist keine Diagnose, die du dir nach einem schlechten Tag selbst stellen musst. Aber es ist ein Grund, dir Unterstützung zu holen.

Erst einmal: eine Umarmung für dich

Falls du dich bis hierher in vielem wiedergefunden hast, würde ich dich am liebsten fest in den Arm nehmen. Also bekommst du von mir eine dicke virtuelle Umarmung.
Ich weiß, wie viel du jeden Tag auffängst. Auch an den Tagen, an denen du laut wirst. Auch wenn du dich kurz im Bad versteckst, vielleicht weinst und dir wünschst, jemand würde endlich einmal dich fragen, wie es dir geht.


Du machst so viel für deine Familie. Und ja: Du bist eine tolle Mutter. Wir sind nicht erst dann tolle Mütter, wenn wir geduldig durch jeden Tag kommen, alle Termine im Griff haben und abends noch ein gesundes Essen auf dem Tisch steht. Bitte vergiss das nicht.


Und was ist jetzt die Lösung?

Vielleicht wartest du an dieser Stelle auf die Liste, mit der ab morgen alles leichter wird. Ich wünschte, ich hätte sie. Aber wenn ich dir sage „Tu dies oder das, und dann wird alles gut“, wäre das schlicht gelogen.
Es gibt nicht die eine Lösung für jede Familie. Was bei uns hilft, kann bei euch völlig unpraktisch sein. Und ein paar Minuten Ruhe machen volle Wochenpläne und fehlende Unterstützung nicht einfach wett.
Trotzdem gibt es kleine Schritte, die etwas Druck herausnehmen können. Vielleicht ist einer davon gerade für dich möglich.

Frag dich, was heute wirklich sein muss. Muss es heute Abend das frisch gekochte, gesunde Essen sein? Oder ist der Pizzadienst genau die richtige Entscheidung? Welche vermeintlich wichtige Aufgabe darf warten? Ich versuche mir in solchen Momenten zu sagen: Wenn ich heute etwas streiche, habe ich nicht versagt. Ich habe entschieden, was heute machbar ist.

Schreib auf, was in deinem Kopf herumfliegt. Ich sammle alles, was mir einfällt – auch die merkwürdigen Kleinigkeiten. Mal auf dem Handy, mal auf Papier. Später schaue ich kurz darüber: Was ist wichtig? Was kann warten? Was kann ich abgeben? Und was streiche ich einfach wieder? So muss ich nicht versuchen, alles gleichzeitig im Kopf festzuhalten.
Mich hat dabei Die Bullet-Journal-Methode von Ryder Carroll inspiriert. Falls du jetzt an kunstvoll gestaltete Seiten und gemalte Überschriften denkst: Genau das meine ich nicht. Ein Buch, ein Stift und eine einfache Liste reichen völlig.

Das Bullet Journal ist übrigens nicht der einzige kleine Helfer, der bei uns für etwas weniger Chaos sorgt. Im Laufe der Zeit haben wir einige Dinge gefunden, die uns das Erinnern, Organisieren und manchmal auch das Durchatmen erleichtern. Welche davon sich bei uns tatsächlich bewährt haben, zeige ich dir in meinem Artikel „12 Alltagshelfer für Kinder mit ADHS, die wirklich helfen“. Vielleicht ist ja auch für euren Familienalltag eine Idee dabei.

Gib möglichst eine ganze Aufgabe ab, nicht nur einen kleinen Teil davon. Wenn jemand anderes beispielsweise die Therapietermine übernimmt, wäre es entlastend, wenn diese Person auch anrufen, Termine eintragen und Änderungen klären kann. Sonst bleibst du im Kopf weiterhin für alles zuständig.

Schau mit den Fachpersonen auf euren Wochenplan. Vielleicht sind gerade so viele Termine vorgesehen, dass für Erholung kaum noch Platz ist. Dann darfst du fragen: Was hat im Moment Vorrang? Was lässt sich anders organisieren? Was ist für unser Kind und für unsere Familie auf Dauer machbar?

Vergiss nicht, dass du auch noch du bist. Mehr Gedanken dazu findest du in meinem Artikel über Selbstfürsorge für Eltern. Deine Kinder sind nicht dein Hobby. Vielleicht hast du früher gern gelesen, gemalt, gestrickt oder Sport gemacht. Vielleicht weißt du im Moment gar nicht mehr, was dir Spaß macht. Dann musst du dir nicht sofort ein neues Hobby und eine halbe Stunde täglich dafür organisieren. Vielleicht beginnt es damit, dich überhaupt wieder zu fragen: Was würde ich gern tun, nur für mich?
Und manchmal hilft mir sogar, zehn Minuten lang gar nichts zu tun. Ich stelle den Handywecker, drehe das Display um, trinke einen Kaffee und sitze einfach da. Beim ersten Mal habe ich plötzlich gehört, wie laut die Uhr in unserer Küche tickt. Ich wusste nicht einmal, dass man sie hören kann. Der Alltag ist oft so voll mit Stimmen, Gedanken und Aufgaben, dass selbst solche Geräusche untergehen.
Diese zehn Minuten lösen keine großen Probleme. Meine Liste auch nicht. Aber manchmal geben sie mir einen Moment, um wieder Luft zu holen.


Du darfst dir Hilfe holen

Und manchmal reichen solche kleinen Schritte eben nicht. Wenn du über längere Zeit kaum noch Kraft hast, wenn dich die Erschöpfung nicht mehr loslässt oder du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, darfst du dir professionelle Hilfe suchen.
Du kannst dich an eine Beratungsstelle, deine Hausärztin, einen Psychologen oder eine Psychiaterin wenden. Das ist kein Zeichen von Versagen. Du musst nicht erst völlig zusammenbrechen, bevor deine Belastung ernst genug ist. Sich Hilfe zu holen bedeutet, dass du auch auf dich achtest – auf den Menschen, der jeden Tag so viel für andere da ist.
Vielleicht gibt es für unseren Alltag keine Lösung, die alles auf einmal leicht macht. Aber es gibt Menschen, die ein Stück mittragen können. Es gibt Aufgaben, die warten dürfen. Und es gibt Unterstützung, die auch für uns Mütter da ist.

Wenn du heute nur einen Gedanken aus diesem Artikel mitnimmst, dann bitte diesen: Du musst nicht beweisen, wie viel du allein aushältst. Du darfst sagen, dass es zu viel ist. Und du bist auch an solchen Tagen eine tolle Mama.

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