Familie feiert Kindergeburtstag am gedeckten Tisch; ein Kind liest abseits und ein jüngeres trägt Kopfhörer.

Geburtstage mit neurodivergenten Kindern: Warum Familienfeiern so anstrengend sein können

Zwischen Geburtstagstorte, Geschwisterstreit und Reizüberflutung – wie wir unseren eigenen Weg durch solche Tage finden


Ich habe drei Kinder. Alle drei erleben die Welt auf ihre eigene Art – und alle drei haben innerhalb eines Monats Geburtstag. Hätte ich vorher gewusst, was das für unseren Familienkalender bedeutet, hätte ich bei der Kinderplanung vielleicht genauer auf die Monate geschaut. Geburtstage mit neurodivergenten Kindern können wunderschön sein. Bei uns bringen sie aber auch Routinen durcheinander und verlangen jedem Kind auf seine Weise viel ab.
Denn bei uns ist dieser Monat nicht einfach eine Abfolge von Kuchen, Kerzen und Kindergeburtstagen. Es ist auch die Zeit der großen Fragen: Warum habe ich nicht zuerst Geburtstag? Warum hat es bei mir geregnet und eine Woche später scheint die Sonne? Warum darf sie mehr Kinder einladen? Und warum ist sein Geschenk größer?


Zwischen meiner Jüngsten und meiner Ältesten liegen neun Jahre. Dass ihre Feiern und Geschenke unterschiedlich aussehen, ist für mich logisch. Für ein enttäuschtes Kind ist das nicht immer nachvollziehbar. Ein kleineres Paket kann schließlich eine Nintendo Switch enthalten. Versuch das mal einem Kind zu erklären, das gerade nur die Größe der Geschenkverpackung sieht.


Vielleicht kennst du diese Vergleiche auch. Und vielleicht gehst du schon vor der Feier im Kopf durch, was heute alles schwierig werden könnte. Ich tue das jedenfalls. Nicht, weil ich meinen Kindern keinen schönen Tag zutraue, sondern weil ich weiß, wie viel so ein Tag ihnen abverlangt.


Warum Geburtstage mit neurodivergenten Kindern so viel durcheinanderbringen

Mädchen liest auf dem Sofa ein Buch, während im Hintergrund eine Familienfeier stattfindet.

Auf Familienfeiern läuft fast nichts wie gewohnt. Es sind mehr Menschen da, es ist lauter, das Essen findet zu einer anderen Zeit statt. Jemand ändert kurzfristig den Plan. Ein Kind soll sich begrüßen lassen, warten, sich bedanken, mitspielen und am besten noch freundlich am Tisch sitzen bleiben.

Das kann für jedes Kind anstrengend sein. Für ein Kind, das auf vertraute Abläufe angewiesen ist oder Geräusche besonders intensiv erlebt, können sich diese Dinge aber über Stunden aufstauen. Am Ende sieht es dann so aus, als sei die Stimmung wegen einer Kleinigkeit gekippt. Dabei war diese Kleinigkeit vielleicht nur das Letzte, was noch dazukam.
Wenn dein Kind auf einer Feier plötzlich nicht mehr mitmachen kann, heißt das nicht automatisch, dass du es schlecht vorbereitet hast. Und du musst auch nicht erst beweisen, wie schwierig der Tag schon war, bevor du ihm eine Pause zugestehst.

Meine Große ist inzwischen fast 15. Viele Menschen und soziale Situationen strengen sie schnell an. Sie nimmt deshalb ein Buch mit und zieht sich zurück, wenn sie eine Pause braucht. Früher haben wir ihr das manchmal untersagt, weil wir dachten, Lesen auf einer Feier wirke unhöflich. Heute sehe ich es anders: Sie merkt selbst, wann es ihr zu viel wird, und hat einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Meine Jüngste kann das mit ihren fünf Jahren noch nicht so gut erkennen oder sagen. Lautstärke überreizt sie schnell. Unerwartete Änderungen und der Ausbruch aus vertrauten Abläufen sind für sie schwer – und auch für meinen Mittleren. Da sind wir Eltern gefragt, früher hinzuschauen. Nicht erst, wenn die Stimmung schon gekippt ist.

Von außen sieht man vielleicht ein Kind, das sich wegen einer Kleinigkeit aufregt. Von innen kann es ein Kind sein, das schon seit Stunden mit Geräuschen, Menschen, Erwartungen und Änderungen zurechtkommen muss. Der Streit um ein Geschenk ist dann manchmal nur der letzte Tropfen.

Manchmal entlädt sich diese aufgestaute Anspannung schließlich in einem heftigen Gefühlsausbruch. Was von außen wie ein gewöhnlicher Wutanfall aussieht, kann tatsächlich ein Meltdown sein. Warum solche Situationen entstehen können und weshalb ein Kind dann nicht einfach aufhören kann, erkläre ich in meinem Artikel „Meltdown bei Kindern: Wenn plötzlich alles zu viel wird“.


Nicht jede Pause sieht für andere nach einer guten Idee aus

Meine Jüngste braucht manchmal Kopfhörer und ein Hörspiel. Wenn sie schon völlig überreizt ist, hilft ihr auch mal eine kurze Folge Bluey auf dem Tablet, sich von dem Trubel abzugrenzen.


Ich weiß, wie das aussehen kann: Während die anderen zusammensitzen, sitzt ein Kind mit Kopfhörern und Bildschirm in einer Ecke. Vielleicht hat Tante Frieda, die wir dreimal im Jahr sehen, dazu auch gleich einen klugen Kommentar parat.
Aber Tante Frieda fährt abends nicht mit einem völlig erschöpften Kind nach Hause. Sie sieht einen kurzen Ausschnitt. Du kennst dein Kind und den ganzen Tag, der hinter diesem Moment steckt.


Vielleicht braucht dein Kind Kopfhörer. Vielleicht ein Buch, Papier und Stifte, ein kleines Puzzle oder fünf Minuten draußen mit dir. Vielleicht hilft etwas davon beim nächsten Mal überhaupt nicht. Es geht nicht darum, für jede Feier die perfekte Beschäftigung einzupacken. Es geht darum, Rückzug zu erlauben, wenn dein Kind ihn braucht – auch wenn andere das seltsam finden.

Bei uns haben sich im Laufe der Zeit auch einige kleine Hilfsmittel bewährt, die nicht nur auf Familienfeiern, sondern im ganz normalen Alltag für etwas Entlastung sorgen. Dazu gehören beispielsweise verschiedene Varianten von Gehörschutz, mit denen sich Geräusche etwas dämpfen lassen. Welche Dinge wir tatsächlich nutzen und warum sie uns helfen, erzähle ich dir in meinem Artikel „12 Alltagshelfer für Kinder mit ADHS, die wirklich helfen“.


Bei uns wird sogar das Essen zur großen Sache

Meine Jüngste isst an solchen Tagen oft nichts. Sie sitzt am Tisch und sagt, sie habe keinen Hunger. Dann versuchen alle, sie doch noch zum Essen zu bewegen. Jeder meint es gut, aber je mehr Menschen auf sie einreden, desto entschlossener bleibt sie dabei. Kein Mittagessen. Kein Geburtstagskuchen. Nichts.


Sobald die Teller abgeräumt sind, hat sie plötzlich einen Hunger, als hätte sie seit drei Tagen nichts bekommen.


Falls du solche Momente kennst, weißt du vielleicht auch, wie unangenehm es ist, wenn alle auf dein Kind und seinen Teller schauen. Man möchte die Situation lösen, möglichst bevor jemand einen Kommentar macht. Bei uns macht der Druck es meist noch schwieriger.
Für die nächste Feier möchte ich deshalb etwas Vertrautes zu essen dabeihaben und ihr später noch einmal etwas anbieten. Vor allem möchte ich nicht, dass ihr Essen zum Gesprächsthema für den ganzen Tisch wird. Das ist ein Versuch, kein Rezept für jedes Kind. Vielleicht ist bei euch etwas ganz anderes das Thema, bei dem weniger Aufmerksamkeit von außen helfen würde.

Geburtstage mit neurodivergenten Kindern können schwierig sein.

Und dann soll das Geburtstagskind auch noch im Mittelpunkt stehen

Zu den vielen Reizen kommen bei unseren Geburtstagen die Gefühle der Geschwister. Ein Kind bekommt Gäste, Geschenke und Aufmerksamkeit. Ein anderes fühlt sich zurückgesetzt, vergleicht die Kuchen oder versteht nicht, warum es bei der Feier mit den Freunden des älteren Kindes nicht dabei sein darf.


Ich habe oft vorher erklärt: „Heute ist ihr Geburtstag. Dein Tag kommt auch noch.“ Das stimmt natürlich. Nur ist es mitten in der Enttäuschung nicht immer besonders hilfreich. Ich kann einem Kind erklären, warum etwas fair ist, und es kann sich trotzdem ungerecht anfühlen.
Was wir versuchen können: vorher möglichst konkret erzählen, wie der Tag abläuft. Wer kommt? Wann gibt es Geschenke? Wo dürfen die Geschwister mitmachen, und welcher Teil der Feier gehört dem Geburtstagskind und seinen Freunden? Gibt es einen ruhigen Ort, an den sich jemand zurückziehen kann?


Vielleicht verhindert das einen Streit. Vielleicht auch nicht. Aber es gibt den Kindern mehr Orientierung an einem Tag, an dem sonst so vieles anders ist.


Du musst dabei nicht die perfekte ruhige Mutter sein

Ich weiß, wie schnell man selbst genervt ist. Man hat geplant, erklärt, vorbereitet – und dann wird wegen eines Geschenkpapiers gestritten, während jemand anderes seit Stunden nichts gegessen hat.


Ich schreie meine Kinder sehr selten an. Aber auch meine Stimme wird manchmal lauter. Manchmal rutscht mir eine Drohung heraus, weil ich mich hilflos fühle und die Situation endlich stoppen möchte. Wenn sie nichts bewirkt, werde ich noch wütender. Das ist kein Moment, auf den ich stolz bin. Aber ich glaube, viele Eltern kennen dieses Gefühl, selbst wenn sie es ungern aussprechen.

Wenn du merkst, dass nicht nur die Feier, sondern der ganze Alltag gerade zu viel wird, habe ich darüber auch in meinem Artikel „Wenn du einfach nicht mehr kannst: Überforderung als Mama eines neurodivergenten Kindes“ geschrieben.

Was ich gelernt habe: Je angespannter ich werde, desto schwieriger wird es bei uns oft. Ruhig zu bleiben gelingt mir nicht immer, und es löst auch nicht alles. Es gibt mir aber eher die Chance, zu überlegen: Braucht mein Kind gerade eine Erklärung? Oder braucht es weniger Lärm, etwas zu essen, eine Pause oder einen klaren nächsten Schritt?

Und wenn dir das erst hinterher einfällt, bist du deswegen keine schlechte Mutter und kein schlechter Vater. Du kannst es beim nächsten Mal anders versuchen. Mehr verlangt niemand von dir – auch wenn es sich auf einer Feier manchmal so anfühlt.

Bei all dem, was unsere Kinder an solchen Tagen brauchen, vergessen wir übrigens leicht, dass auch unsere eigenen Energiereserven irgendwann aufgebraucht sind. Wir organisieren, erklären, vermitteln und versuchen, alle irgendwie glücklich durch den Tag zu bringen. Dabei dürfen wir auch auf uns selbst achten. Warum das im Familienalltag oft leichter gesagt als getan ist und wie kleine Schritte helfen können, habe ich in meinem Artikel „Selbstfürsorge für Eltern: Kleine Schritte im Familienalltag“ beschrieben.


Vielleicht darf eine gelungene Feier anders aussehen

Ich wünsche mir schöne Geburtstage für meine Kinder. Ich wünsche mir, dass sie sich freuen, miteinander auskommen und wir am Ende nicht alle völlig erschöpft sind.


Aber ich möchte mich dafür nicht länger an dem Bild einer Feier messen, bei der jedes Kind stundenlang fröhlich mitspielt und alle Erwachsenen zufrieden zuschauen. Für unsere Familie kann eine gute Feier auch bedeuten, dass ein Kind zwischendurch liest, eines Kopfhörer trägt und wir früher gehen als geplant.


Wenn du dein Kind in solchen Tagen wiedererkennst: Es ist nicht „böse“, nur weil es die Feier nicht so bewältigt, wie andere es erwarten. Und du bist nicht allein, wenn dich Familienfeste mehr Kraft kosten, als du vorher zugeben möchtest.
Probier aus, was eure Tage leichter macht. Behalte, was für dein Kind funktioniert, auch wenn es für andere ungewöhnlich aussieht. Lass weg, was euch nur zusätzlichen Druck macht. Tante Frieda darf ihren Kommentar haben. Die Entscheidung, was dein Kind gerade braucht, triffst du.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert