Kind sitzt erschöpft bei den Hausaufgaben am Schreibtisch
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ADHS und Hausaufgaben: Wenn jeder Nachmittag zum Kampf wird


Das Kind kommt aus der Schule, der Rucksack landet irgendwo im Flur und die Schuhe meistens nicht dort, wo sie hingehören. Erst einmal etwas essen, kurz aufs Sofa oder ins Kinderzimmer. So weit, so gut. Irgendwann fällt dann dieser eine Satz, der in manchen Familien erstaunlich zuverlässig die Stimmung verändern kann:

„Hast du eigentlich Hausaufgaben?“

„Ja. Mach ich gleich.“

Dieses ominöse gleich kann bei Kindern allerdings eine erstaunliche Zeitspanne umfassen. Eine halbe Stunde später ist noch nichts passiert, also erinnert man vorsichtig. Dann ein zweites Mal. Beim dritten Mal ist die eigene Stimme vielleicht schon nicht mehr ganz so entspannt, wie man es sich am Morgen vorgenommen hatte. Irgendwann sitzt das Kind tatsächlich am Tisch. Ein erster Erfolg! Leider fehlt das Matheheft. Was genau auf war, weiß auch niemand so richtig und im Hausaufgabenheft steht etwas, das mit viel Fantasie eine Seitenzahl sein könnte.

Nachdem dieses Rätsel gelöst ist, könnte es theoretisch losgehen. Theoretisch.

Denn plötzlich muss noch der Bleistift gespitzt werden, dann ist Durst und während man selbst langsam das Gefühl bekommt, bereits einen halben Arbeitstag in drei Mathematikaufgaben investiert zu haben, liegt das Kind irgendwann mit dem Kopf auf dem Tisch und verkündet:

„Ich kann das nicht!“

Spätestens jetzt geht es meistens überhaupt nicht mehr um Mathematik.

Wenn dir solche Nachmittage bekannt vorkommen, bist du damit nicht allein. Gerade für Kinder mit ADHS können Hausaufgaben eine enorme Herausforderung sein – und für ihre Eltern gleich mit. Dabei liegt das Problem erstaunlich oft gar nicht darin, dass das Kind den Schulstoff nicht versteht.

Kurz gesagt:
Hausaufgabenprobleme bei ADHS entstehen häufig nicht nur beim eigentlichen Lernen, sondern schon bei Planung, Arbeitsbeginn, Zeitgefühl und Dranbleiben. Klare Abläufe, kleine Arbeitsschritte, sichtbare Zeit und passende Pausen können helfen. Entscheidend ist aber vor allem herauszufinden, an welcher Stelle dein Kind eigentlich Unterstützung braucht.

Wenn wir Erwachsenen an Hausaufgaben denken, denken wir meistens an das eigentliche Lernen. Fünf Rechnungen lösen, einen Text schreiben oder zehn Vokabeln lernen – eigentlich überschaubar.

Was wir dabei leicht übersehen: Bevor auch nur die erste Rechnung auf dem Papier steht, muss bereits eine ganze Menge funktioniert haben.

Das Kind muss die Hausaufgaben vollständig aufschreiben, die richtigen Materialien einpacken und zuhause daran denken, dass es überhaupt Hausaufgaben gibt. Dann muss es seine Sachen zusammensuchen, entscheiden, womit es anfängt, die Aufgabe verstehen, tatsächlich loslegen, bei der Sache bleiben, Ablenkungen ausblenden, seine Zeit einschätzen und am Ende möglichst auch noch alles wieder einpacken.

Wenn man diese ganze Kette einmal ausschreibt, klingt „Mach bitte deine Hausaufgaben“ plötzlich gar nicht mehr nach einer einzigen kleinen Aufgabe.

Gerade Planung, Organisation, Arbeitsbeginn, Zeitgefühl und das Dranbleiben an wenig interessanten Tätigkeiten können Kindern mit ADHS schwerfallen. Viele dieser Fähigkeiten gehören zu den sogenannten exekutiven Funktionen – vereinfacht gesagt unserem inneren Managementsystem.

Vielleicht kann dein Kind die Mathematikaufgabe problemlos lösen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, überhaupt an den Punkt zu kommen, an dem es mit dem richtigen Heft, einem auffindbaren Bleistift und halbwegs arbeitsbereitem Gehirn davor sitzt.

Das Kind kann sich sämtliche Minecraft-Rezepte merken, stundenlang Lego bauen oder bis ins kleinste Detail erklären, warum irgendein YouTuber irgendetwas vollkommen falsch gemacht hat.

Aber fünf Englischvokabeln? Unmöglich.

Da liegt der Gedanke natürlich nahe, dass es vielleicht doch einfach keine Lust hat. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
ADHS bedeutet nicht, dass ein Kind grundsätzlich unfähig ist, sich zu konzentrieren. Schwieriger kann es sein, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu steuern und bei einer Tätigkeit zu halten, die wenig interessant ist, anstrengend erscheint oder keine unmittelbare Belohnung bietet.
Ein Computerspiel ist in dieser Hinsicht ziemlich geschickt: Ständig passiert etwas, man bekommt sofort Rückmeldung, erreicht ein Ziel oder entdeckt etwas Neues.
Das Englisch-Arbeitsblatt kann da meistens nicht ganz mithalten.
Deshalb bedeutet die Tatsache, dass ein Kind sich zwei Stunden mit seinem Lieblingsthema beschäftigen kann, nicht automatisch, dass es sich genauso leicht 30 Minuten auf Hausaufgaben konzentrieren können müsste.


Wenn Eltern zum externen Arbeitsspeicher werden

Wenn Hausaufgaben schwierig sind, versuchen wir Eltern zu helfen. Also erinnern wir.
„Du musst noch Hausaufgaben machen.“ Dann noch einmal. „Wolltest du nicht anfangen?“ Und irgendwann nicht mehr ganz so freundlich:


„Jetzt. Bitte. Wirklich.“


Je weniger das Kind selbst ins Handeln kommt, desto mehr übernehmen wir die Steuerung. Wir wissen, wann der Mathetest ist, wo das Englischheft liegt und dass am Donnerstag dieses Referat abgegeben werden muss, von dessen Existenz das betreffende Kind selbst offenbar vollkommen überrascht ist.
Irgendwann verwalten wir die Hausaufgaben mehr als das Kind.
Ein vorhersehbarer Ablauf kann deshalb hilfreicher sein als zwanzig Erinnerungen. Statt „Mach irgendwann deine Hausaufgaben“ könnte der Nachmittag beispielsweise immer ähnlich ablaufen:
Nach Hause kommen → essen → Pause → Hausaufgaben.
Damit verschwindet natürlich nicht plötzlich jede Diskussion. Schön wäre es.
Aber das Kind muss zumindest nicht jeden Tag aufs Neue entscheiden, wann es anfangen soll.


Muss mein Kind direkt nach der Schule Hausaufgaben machen?

Nicht unbedingt.
Ein Schultag verlangt Kindern enorm viel ab: zuhören, sich konzentrieren, stillsitzen, Regeln beachten, soziale Situationen bewältigen, Reize verarbeiten und ständig zwischen unterschiedlichen Anforderungen wechseln.
Manche Kinder kommen nach Hause und können ihre Aufgaben sofort erledigen. Andere haben nach sechs oder sieben Stunden Schule ungefähr so viel Konzentration übrig wie wir Erwachsenen nach einem langen Arbeitstag, wenn uns jemand freundlich einen Stapel Steuerunterlagen auf den Tisch legt.
Dann darf zuhause erst einmal Ankommen angesagt sein.
Etwas essen, trinken, sich bewegen, kurz alleine sein oder einfach eine Weile keine Anforderungen erfüllen müssen.
Wie lange diese Pause dauert, ist individuell. Wichtig ist nur, dass aus „erst einmal Pause“ nicht unbemerkt ein dreistündiger YouTube-Marathon wird und um 19 Uhr allen Beteiligten gleichzeitig einfällt:
Ach ja. Mathe.


Aus einem großen Berg kleine Schritte machen
Mathe, Deutsch, Englischvokabeln, morgen ein Test und nächste Woche ein Referat.
Als Erwachsene können wir diese Dinge gedanklich sortieren. Für ein Kind, das Schwierigkeiten mit Planung hat, sieht dieser Berg dagegen manchmal einfach nur aus wie:
VIEL.
Und bei viel passiert dann möglicherweise gar nichts.
Deshalb hilft es, große Aufträge in konkrete Schritte zu zerlegen.
Statt:

  • Hausaufgaben machen

zum Beispiel:

  • Mathe Seite 24, Aufgabe 3
  • kurze Pause
  • Deutsch Arbeitsblatt
  • 10 Englischvokabeln
  • Tasche für morgen packen

Das Kind muss nicht mehr den kompletten Nachmittag organisieren. Es muss nur wissen:

Was ist jetzt mein nächster Schritt?
Was kann Hausaufgaben mit ADHS leichter machen?

Leider gibt es keinen magischen ADHS-Hausaufgabenplan, den man ausdruckt, an den Kühlschrank hängt und ab diesem Zeitpunkt schweben alle Familienmitglieder entspannt durch den Nachmittag.
Falls jemand diesen Plan doch findet, hätte ich übrigens auch gerne ein Exemplar.
Es gibt aber einige Dinge, die man ausprobieren kann.

Einen verlässlichen Startpunkt schaffen

„Später“ funktioniert für viele Kinder nicht besonders gut. Ein fester Ablauf dagegen schon eher.
Das muss nicht jeden Tag um exakt 15:17 Uhr sein. Gerade bei unterschiedlichen Schulzeiten kann eine Reihenfolge viel praktischer sein:
Heimkommen → essen → Pause → Hausaufgaben.
Je vorhersehbarer dieser Ablauf wird, desto weniger muss täglich neu darüber verhandelt werden.

Den Einstieg möglichst klein machen

„Lern für den Test“ ist riesig.
„Lies die erste Seite und markiere drei wichtige Begriffe“ ist überschaubar.
„Mach Deutsch“ ist unklar.
„Lies Aufgabe 1 und sag mir, was du machen sollst“ ist konkret.
Gerade wenn der Start schwierig ist, darf der erste Schritt fast lächerlich klein sein. Häufig ist nämlich nicht die gesamte Aufgabe das größte Hindernis, sondern der Moment zwischen Ich müsste und Ich fange jetzt an.

Zeit sichtbar machen

„Noch zehn Minuten“ ist ziemlich abstrakt, wenn das eigene Zeitgefühl eher nach dem Prinzip fünf Minuten Minecraft = ungefähr zwölf Sekunden funktioniert.
Ein sichtbarer Timer oder eine Uhr kann helfen.
Dabei müssen Arbeitsphasen nicht besonders lang sein. Lieber 15 oder 20 Minuten tatsächlich arbeiten und anschließend eine kurze Pause machen, als eine Stunde am Schreibtisch zu sitzen, von der 45 Minuten aus Radiergummi zerlegen, aus dem Fenster schauen und Diskussionen bestehen.

Den Arbeitsplatz an das Kind anpassen

Auf Pinterest sehen Lernplätze meistens wunderschön aus: aufgeräumter Schreibtisch, hübsche Boxen, eine Pflanze, drei perfekt gespitzte Bleistifte und vermutlich ein Kind, das freiwillig seine Hausaufgaben macht.
Die Realität darf anders aussehen.
Vielleicht arbeitet dein Kind am Küchentisch besser. Vielleicht braucht es absolute Ruhe oder leise Hintergrundmusik. Vielleicht muss alles vom Tisch verschwinden, was nicht zur aktuellen Aufgabe gehört.
Entscheidend ist nicht, wie ein Hausaufgabenplatz aussehen sollte, sondern unter welchen Bedingungen dein Kind tatsächlich arbeiten kann.

Pausen sind erlaubt

Gerade bei längeren Aufgaben können kurze Unterbrechungen helfen: etwas trinken, aufstehen, sich kurz bewegen oder ein paar Minuten mit dem Hund spielen.
Bei manchen Kindern ist das Handy oder die Konsole als Pause dagegen ungefähr so praktisch wie mitten während der Hausaufgaben einen Freizeitpark zu besuchen und anschließend zu sagen: „So, jetzt aber wieder zurück zu den Vokabeln.“
Auch hier gilt: ausprobieren und beobachten.

Wir müssen nicht jeden Fehler retten

Wir stehen daneben, sehen eine offensichtlich falsche Rechnung und möchten am liebsten sofort eingreifen.
Aber Hausaufgaben sollen der Lehrkraft auch zeigen, was ein Kind bereits selbstständig kann und wo noch Schwierigkeiten bestehen.
Wenn wir jeden Fehler korrigieren, jeden Satz verbessern und bei jeder Rechnung helfen, sieht die Lehrkraft am nächsten Morgen ein ordentlich ausgefülltes Arbeitsblatt.
Was sie nicht sieht, sind die zwei Stunden Arbeit, die Tränen, drei Diskussionen und ein Elternteil, das gefühlt selbst noch einmal die vierte Klasse besucht hat.
Deshalb darf eine Hausaufgabe auch einmal falsch sein.
Hausaufgaben sollen zeigen, was dein Kind kann – nicht, was Mama oder Papa kann.

Es gibt Nachmittage, an denen helfen weder Timer noch Checkliste noch der schön strukturierte Ablauf. Das Kind weint, wirft den Stift weg oder sagt irgendwann:
„Ich bin einfach zu dumm dafür.“


Spätestens jetzt geht es nicht mehr nur um die Aufgabe.
Ein völlig überfordertes Kind braucht in diesem Moment meistens keine noch bessere Erklärung der Bruchrechnung. Zuerst muss es aus dieser Überforderung herauskommen. Danach lohnt es sich, genauer hinzusehen. Passiert das immer bei Mathematik? Beim Schreiben? Wenn etwas nicht sofort funktioniert? Wenn das Kind müde ist? Oder eigentlich jeden Nachmittag?
Denn hinter ständigen Hausaufgabenkämpfen können unterschiedliche Schwierigkeiten stecken. ADHS kann eine Rolle spielen, genauso aber LRS, Dyskalkulie, Lernlücken, Ängste oder allgemeine Überforderung. Manchmal ist ein Kind nicht unwillig.
Manchmal weiß es schlicht nicht, wie es das schaffen soll.
Wenn 30 Minuten Hausaufgaben plötzlich zwei Stunden dauern
Natürlich dürfen Schule und Lernen anstrengend sein. Kinder müssen auch Dinge üben, auf die sie keine Lust haben, und lernen, Frustration auszuhalten.
Wenn Hausaufgaben aber regelmäßig einen großen Teil des Nachmittags einnehmen und immer wieder in Tränen, Wut oder massiven Konflikten enden, sollte man genauer hinschauen.
Die Lösung lautet dann nicht automatisch:
Wir müssen zuhause konsequenter werden.

Vielleicht ist der Umfang zu groß, vielleicht braucht das Kind andere Rahmenbedingungen oder Unterstützung bei der Organisation. Dann sollte die Schule mit ins Boot. Dabei helfen konkrete Beobachtungen viel mehr als ein allgemeines „Die Hausaufgaben funktionieren nicht“.
Zum Beispiel:
„Die Aufgaben selbst dauern ungefähr 30 Minuten, aber wir brauchen fast eine Stunde, bis er überhaupt anfängt.“
Oder:
„Mathematik schafft sie selbstständig, sobald sie längere Texte schreiben muss, braucht sie durchgehend Unterstützung.“
Damit lässt sich gemeinsam viel besser überlegen, wo Unterstützung ansetzen kann.

Wenn Hausaufgaben bei euch regelmäßig schwierig sind, achte eine Woche lang nicht nur darauf, ob dein Kind seine Hausaufgaben schafft.
Beobachte stattdessen, wo es schwierig wird.
Kann dein Kind nicht anfangen? Versteht es die Aufgabenstellung nicht? Verliert es ständig seine Materialien? Beginnt es problemlos, kann aber nicht dranbleiben? Eskaliert es bei Fehlern? Oder kommt es bereits völlig erschöpft aus der Schule?
Denn solange wir nur sehen: „Mein Kind macht seine Hausaufgaben nicht.“
liegt die vermeintliche Lösung nahe: „Dann muss ich dafür sorgen, dass es sie macht.“
Sobald wir aber erkennen: „Mein Kind weiß nicht, wie es anfangen soll.“
können wir ganz anders unterstützen.

Vielleicht funktionieren Hausaufgaben bei deinem Kind nicht so, wie du es dir ursprünglich vorgestellt hast. Vielleicht braucht es mehr Pausen, einen Timer, einen anderen Arbeitsplatz oder kleinere Schritte. Vielleicht braucht es mehr Unterstützung beim Start und dafür weniger Hilfe bei den eigentlichen Aufgaben.
Das bedeutet nicht, dass wir unseren Kindern nichts zutrauen oder ihnen jede unangenehme Aufgabe abnehmen sollen.
Es bedeutet, herauszufinden, welche Strukturen dieses Kind braucht, damit es möglichst viel selbst schaffen kann.
Und vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage am Nachmittag irgendwann nicht mehr: „Warum macht mein Kind seine Hausaufgaben nicht?“
Sondern: „Woran scheitert mein Kind gerade eigentlich?“
Denn wenn wir das verstanden haben, können wir anfangen, gemeinsam einen Weg zu finden, der für dieses Kind und diese Familie funktioniert.

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